Langer Ritt durch karges Land

Langer Ritt durch karges Land

Lange bevor die Garde der Grenzbeamten ihren Dienst antritt lungern wir vor der Abfertigungshalle herum. Aus einem der turkmenischen Trucks dröhnt Musik. Hämmernde Beats schallen unzensiert über den Platz und versüßen die Zeit des Ausharrens.

Es kommt Bewegung auf die Bühne. Die Herren treffen einer nach dem anderen ein. Wir versuchen von ihrem Gebaren die aktuelle Laune abzulesen. Das könnte für uns eine schnelle, unkomplizierte oder gegenteilige Abwicklung des Länderwechsels bedeuten.

Die Rechner werden hoch gefahren….. und die Vernetzung stürzt zusammen. Kein Problem- Neustart. Nach einer Stunde geduldigen Wartens, werden die Daten manuell erfasst. Unsere Namen scheinen in ihrer Schreibweise kompliziert zu sein, der Beamte versucht sein Bestes, er kann sie nicht fehlerfrei in das Formular übertragen. Nach vielen vergeblichen Versuchen, gibt er verzweifelt auf und notiert alles auf einen Schmierzettel, von dem wir glauben, das dieser nicht den Weg in die Datenbank gefunden hat, sondern im Mülleimer gelandet ist und das Schicksal vieler anderer Schmierzettel auf der Welt teilt. Unsererseits besteht der Verdacht, dass wir niemals, elektronisch erfasst, aus dem Iran ausgereist sind. Zum Glück sammeln wir fleißig Stempel und haben somit den Nachweis im Pass.

Wir fürchten einen enormen Zeitverlust, der Zollbeamte steht lauernd hinter seinem Tisch. Seine Pose erweckt den Anschein , als hätte er Lust, jedes einzelne Teil in unseren Taschen auf’s gründlichste zu untersuchen. Doch weit gefehlt, er versetzt uns in Staunen und zerschlägt alle Vorurteile. Keine fünf Minuten beschäftigt er sich mit uns, dann ist alles abgehakt und wir sind entlassen.

Die Ausfahrt führt über eine Brücke. Auf der anderen Seite versperrt ein Soldat den Weg. Bevor er unsere Papiere verlangt, gibt er zur Begrüßung die Hand. Ich zögere, schon einige male stand ich missverständlich im sprichwörtlichen Fettnäpfchen bei eben diesem, bei uns so üblichen Ritual.
Im Iran gilt es als unsittlich,wenn Frauen und Männer sich in der Öffentlichkeit berühren.
Gebranntes Kind scheut das Feuer- ich verweigere also den Handschlag… und stehe wieder im Fettnapf. Verstört, beleidigt und maulend wendet sich der junge Mann ab. Ebenso verstört schaue ich ihm nach. Zu spät, es fehlen mir die entschuldigenden, turkmenischen Worte um irgendetwas erklären zu können.

Nach ein bis zwei Kilometern kommen wir zum eigentlichen turkmenischen Grenzposten. Viele fleißige Hände verlangen nach unseren Pässen. Es werden Daten abgeschrieben, eingetragen und unterschrieben, Zollerklärungen ausgefüllt, Taschen durchleuchtet und nach nicht all zu langer Zeit werden wir ,,frei gelassen“.
Ich sehe eine Frau die Fenster putzen. Sie trägt kein Kopftuch. Ich greife mir an die Stirn und fühle das meine und langsam ziehe ich es herunter. Es ist ein schönes Gefühl, wieder den sanft streichelnden Windes, seine Wärme und Frische zu spüren.

Es liegen fast 500 Kilometer Steppe und Wüste vor uns. Man hat uns zur Bewältigung dieser Strecke 5 Tage Zeit gegeben.
Es ist Vormittag, der erwartete Gegenwind bläst bereits über das flache Land. Auf jedem Fahrrad sind neun Liter Wasser und Lebensmittel für die nächsten Tage gebunkert.
Bald haben wir unseren Rhythmus gefunden. Abwechselnd übernimmt einer die Führungsrolle und die beiden anderen können, den Windschatten nutzend, ausruhen. Manchmal zwingt der bröselnde Straßenbelag die Auflösung dieser effektiven Formation, dann kämpft jeder allein gegen die Elemente.
Kurz vor Abenddämmerung bauen wir die Zelte auf. Es stehen 84 Kilometer auf den Tachometern.

Um dem Wind, der Sonne und der Hitze, die in den frühen Nachmittagsstunden die höchsten Werte des Tages erreichen, wenigstens zeitweise entgehen zu können, klingelt der Wecker vor Sonnenaufgang. Mit einem antrainierten Automatismus sind die Handgriffe des Einpackens und Frühstück zubereitens schnell erledigt. Mewes und ich, schneller beim morgendlichen Ritual starten in einen kühlen, ruhigen Morgen. Wolfgang folgt etwas später. Nach circa 20 Kilometern kommen wir zu einem Truckstop. Hier kaufen wir Brot, Wasser und Schokolade. Die Schokolade sorgt für den nächsten Energieschub.
Gegen Mittag ist MARY erreicht. Bis hierher liegen wir gut im Zeitplan. Wir verzichten auf die in Erwägung gezogene Mitfahrgelegenheit und verlassen uns auf den, welches Glück, schiebenden Wind. An diesem Tag, wir nutzen ihn bis zum letzten Lichtschein, pustet er uns 170 Kilometer durchs Land. Nur unsere Hintern zeigen leichte Beschwerden. Bei einem Pferd würde man von Satteldruck reden und sofort Schonung anordnen, … aber wir unterliegen nicht dem Tierschutz. 🙂

Die folgenden Tage sind wenig abwechslungsreich und trotzdem möchten wir keinen einzigen missen. Sie sind geprägt durch wahnsinnig heiße Temperaturen. Das Thermometer zeigt Spitzenwerte von mehr als 50 Grad Celsius. Beim Gang zum Urinieren, der trotz 7 bis 8 Liter Flüssigkeitsaufnahme pro Tag, nicht oft nötig ist, verbrenne ich mir fast die Füße im heißen Sand. Die ununterbrochene Einwirkung von Sonne und Wind lassen die Haut austrocknen und die Lippen platzen. Nur der kurze Moment, wo wir Wasser kaufen und die schattigen Räume eines CAFEs betreten, lassen sofort Sturzbäche von Schweiß strömen. Die Kleidung ist nach Trocknung steif und verkrustet.
Die Landschaft ist mal flach, mal wellig, die Straße mal leicht kurvig, mal schnurgerade, so das der Horizont im Nichts verschwindet. Es gibt nur wenige, klassische, schöne Sanddünen. Meistens sieht alles lehmfarben, staubig, dornbuschig und kieselig aus. Trotz aller Kargheit sieht man gelegentlich Dromedare, Ziegen, Esel, Rinder und Menschen, die es irgendwie schaffen hier zu überleben.

Nach vier Tagen sind wir in TURKMENABAT.
Durch die Stadt führen uns, wie so oft, hilfsbereite Leute. Zuerst hecheln wir einem Auto hinterher und im Anschluss einem Radfahrer.
Bevor wir den Fluss überqueren können, stoppt uns mal wieder einer der zahlreichen Posten. Eine schnelle Abwicklung solcher Kontrollen ist leichter durch Freundlichkeit, nichts hinterfragen, nichts provozieren und ein paar Brocken Landessprache zu erreichen. Und diese Methode funktioniert auch hier.
Auf den letzten Kilometern bis nach Usbekistan kommt uns ein Radreisender entgegen.
Trotz des Zeitdrucks ist uns ein Plausch wichtig. Er befährt die Seidenstraße in umgekehrter Richtung und bringt wichtige Infos mit. Wir schenken ihm unsere Iran-Landkarte, die seine bewundernswert spartanische Ausrüstung gut ergänzen kann.
Sein Fahrrad gleicht dem eines Studenten, der sicher gehen will, dass es niemals das Begehren eines anderen weckt. Es sieht schrottig aus. Die Packtaschen, er besitzt zwei hintere, sehen aus, als könnten sie nur eine kurze Urlaubsreise überstehen. Obenauf ist ein winziger Wickelsack geschnallt. Seine Person stellt den Abenteurertyp dar, wie man ihn von der Kinoleinwand kennt. Die Haare sind ausgeblichen von der Sonne. Struppig und wild umrahmen sie sein Gesicht. Das offen getragene Hemd war vielleicht einmal sandfarben. Nun, denke ich mir, muss es unter einem Kohlehaufen gelegen haben. Über die Dreiangel am Rücken könnte er sicher eine eigene Geschichte erzählen.
Darüber, dass die Melonensituation in Turkmenistan seine Ernährungsweise nicht einschneidend verändern wird, die hauptsächlich aus Melonen und Brot besteht, konnten wir ihn beruhigen.
Verrückt ist er bestimmt nicht, nur jung, unsterblich und glücklich.

Eine Stunde vor Schließung der Tore erreichen wir die Grenze. Und es ist eine gute Zeit, denn die Beamten drängen zum Feierabend. Bei all der Hatz müssen wir nur darauf achten, dass alle Papiere und Stempel beisammen sind. In einer rekordverdächtigen Geschwindigkeit sind wir in einem neuen Land. Wir fahren noch ein paar Kilometer. Die Straße wird ruhig. Wir bauen das Zelt auf und haben endlich Zeit die müden, schmerzenden Glieder auszustrecken, wunde Hintern und aufgeplatzte Lippen zu salben und den ewigen Durst zu stillen.

BUCHARA

Buchara ist damals wie heute die Erfüllung der Träume, die ein Reisender nach langer Entbehrung auf seinem Weg entlang der Seidenstraße Tag für Tag, Nacht für Nacht vor Augen hat. Sehnsüchte nach Wasser, nach soviel, dass man drin baden kann, nach einem schattigen, mit Teppichen ausgelegtem Platz, der zum Rasten einlädt und auf dem man den Sand aus der Kehle spülen kann und nach Menschen, die in einer an Farben überflutenden, explodierenden, prachtvollen Kleidung ihre Lebensfreude widerspiegeln. Je nachdem, wie lang und wie stark die Sonnenstrahlen auf den Kopf einwirken, fallen Phantasievorstellungen aus. Mewes behauptet nicht nur langes, offen wehendes Haar zu sehen, auch unter buntem Gewand hüpfende Brüste.

Die Unterkunft, zu der wir uns führen lassen ist was ganz besonderes. Von außen sticht ein Tor, bemalt mit Sportsymbolen in olympischen Ringen, ins Auge. Durch eine Seitentür gelangen wir auf den ersten Hof, wo ein alter Wolga geparkt ist. Daneben an der Wand sind Verhaltensregeln angeschlagen, die ich aber erst viel später lese. Durch einen dunklen Gang, etwas verwinkelt gelangen wir in den Innenhof eines wunderschön restaurierten alten Hauses. Der Hof ist ausgelegt mit Pflastersteinen unter denen sich Kellerräume befinden.In der Mitte des Anwesens wächst ein Baum, dessen Krone angenehmen Schatten spendet.
Die Türen der einzelnen Räume weisen alle auf diesen Hof. Unser Zimmer ziert ein Teppich und auf diesem liegt eine Matte – das Bett. In der Ecke steht ein Kleiderständer.
Ringsum an den Wänden sind vom Boden bis unter die Holzdecke kunstvoll mit Stuck verzierte, in rot und blau leuchtende Fächer und Nischen angebracht.
Die Toilette befindet sich im ersten Hof. Die Dusche ist, dem Staub nach zu urteilen, schon länger als ein Tag außer Betrieb. Der Hausherr zeigt aber gern den Weg zum Hamham.
Sicher wäre so ein Bad sehr wohltuend und reinigend, doch unsere Motivation reicht nicht zum Gang durch die Altstadt.Wir wählen das Kurzwaschprogramm.
Beim Studium der Hausordnung stelle ich fest, dass genau das nicht erwünscht ist , weshalb wir hier sind. Keine Wäsche waschen, kein Kochen, keine Lebensmittel in den Zimmern aufbewahren….
Am nächsten Tag ziehen wir um in ein weniger kunstvolles, dafür unseren Bedürfnissen entsprechenden Haus.

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