Ein Stück vom Himmel

Ein Stück vom Himmel

Die ISKAR, ein Fluss in Bulgarien, durchschneidet das Balkangebirge auf einer Länge von ca. 65 Kilometern. Dieser Durchbruch ermöglicht ein Kräfte sparendes Rad fahren im Gebirge und soll uns auf unserer Tour durch Europa weiter in den Norden führen.

Seit drei Tagen verdunkeln tief hängende Wolken den Himmel, ein nicht enden wollender Nieselregen lässt Gräben und Bäche anschwellen, vorhandene Abflüsse können das Wasser längst nicht mehr fassen und so stehen lehmbraune Pfützen auf der Straße. Sorgsam umradeln wir diese, nicht nur aus Angst vor nassen Füßen, sondern auch aus Furcht vor der Tiefe der möglichen Löcher darin. So manches Loch enttarnt sich als nicht verdeckelter Gully .Findige Altmetallsammler haben die Eisenkappen auf ihre wackeligen Pferdekutschen gewuchtet und abtransportiert. Es muss einen guten Geldbetrag dafür geben, denn viele Abdeckungen sind auf nimmer wiedersehen verschwunden.
Schon bald wandert unser Blick von der Straße zum Himmel. Steil aufragende Felswände säumen den Weg. Immer wieder verlangsamen wir das Tempo, um den Linien im Gestein durch Risse, Rinnen, Bänder und Überhänge gierig mit den Augen zu folgen. Was für ein Klettergebiet! Hell schimmert der Kalk durch zartes Erstlingsgrün knospender Bäume. Verblüffend, wie die Farben leuchten und nass im Dauerregen glänzen. Die Köpfe im Nacken, noch immer auf der Suche nach den Gipfeln im Wolkennebel, bemerken wir erst spät den in die Jacken sickernden Regen. Doch ist es egal, denn der Schweiß hat die Kleidung sowieso durchnässt und die Gore-Tex-Membran mal wieder gnadenlos überfordert. Durch ständiges bergan radeln spüren wir die Kälte jedoch nicht.
Der Abend bricht herein und es wird Zeit, einen Platz zum Übernachten zu finden. Gewöhnlich bevorzugen wir das wilde Campen, doch hätte es diesmal zu einem Schlammbad geführt. Die Erde ist aufgeweicht, in dicken Klumpen klebt der Lehm an allem, was sich über den Boden wälzt. Wehmütig schielen wir nach den idyllisch gelegenen Schlafplätzen am Flussufer und greifen auf eine zweite Variante zurück,.“ Früher konnte man im Kloster nächtigen, sicherlich auch heute.“, so die Empfehlung der Einheimischen. Mag romantisch und spannend klingen, doch unsere Erfahrungen mit Klosterbrüdern lässt einem die Haare zu Berge stehen.

Beim Versuch, eines dieser historischen Gemäuer zu besichtigen, verwies uns ein braun Bekutteter der Fahrräder wegen, die wir nicht unbeaufsichtigt stehen lassen wollten, des geweihten Bodens. Wir trollten uns und erkundeten weiter das schöne Tal. Ein gemütliches Plätzchen lud zum Verweilen ein. In gebührendem Abstand, unterhalb des Klosters rollten wir die Schlafsäcke aus. Die Abendstunde war fortgeschritten, kalt strahlend stand der Vollmond über uns. Es setzten inbrünstig klingende Kirchgesänge aus vielstimmigen Männerkehlen ein, begleitet vom Geheul der Hunde… oder Wölfe. Als dann noch ein undefinierbares Etwas meinen Schlafsack berührte, wünschte ich mich weit weg, in luftig, leichte Träume

Nun stehen wir erneut vor einem Kloster, klopfen und bitten um einen Schlafplatz. ,,Unmöglich!“- so gibt man uns zu verstehen. Betröpfelt, nass stehen wir da.. Mittlerweile haben sich drei Personen eingefunden, die heftig miteinander diskutieren. Wie aus Mimik und Gestik zu schlussfolgern, denn der bulgarischen Sprache sind wir nicht mächtig, sind wir Thema des Streits. Wut schnaubend braust die Haushälterin davon. Sie zeigt deutlich ihr Missfallen darüber, Landstreicher zu beherbergen. Der größere der beiden Herren bekreuzigt sich daraufhin, wirft einen entschuldigenden Blick zum Himmel, ein verlegenes Grinsen in unsere Richtung und bittet uns herein. Die Küche ist wohlig warm, blitzblank die alten Möbel und auf breiten Fensterbänken wachsen in Schalen, Schüsseln und Töpfen die verschiedensten Gartenpflänzchen. Mitten im Raum steht ein großer, robuster Tisch. Er bittet uns Platz zu nehmen und von der heißen, duftenden Suppe zu essen, die schon bald das Haus mit ihrem würzigen Geruch erfüllt. Ständig wird Brot nachgereicht bis wir satt sind und dankend ablehnen müssen. Doch die ganze Zeit lässt uns das Gefühl nicht los,das Essen gerade verspeist zu haben, welches vielleicht IHRE warme Mahlzeit sein sollte.Während der angeregten Unterhaltung nach dem Woher und Wohin- immer wieder erstaunlich, wiedies mit unzureichenden Sprachkenntnissen funktioniert- zieht ein Gegenstand magisch unsere Aufmerksamkeit an. Was ist das für ein Armband? Viele Leute auf der Straße tragen es und hier erhoffen wir uns nun endlich eine Antwort. Denn wir vermuten, dass dies mit dem Osterfest, zusammenhängen könnte. Weliko, so der Name des Mönches, erklärt es wortreich. Fleißig nicken oder schütteln wir die Köpfe und haben dann doch nicht viel verstanden. Er seufzt, macht das Kreuzzeichen und nimmt uns mit in seine Kirche Es umgibt uns Stille. Die laute Welt wird ausgesperrt. Warmes Kerzenlicht lässt dunklen Schatten das Unheimliche verlieren, der Duft nach Weihrauch und erhitztem Wachs verströmt eine friedliche Stimmung, Spitzlichter tanzen auf dem Gold der Ikonen. Vor einer bleiben wir stehen. Ich beobachte fasziniert das Gesicht Welikos, das so viel Liebe, Achtung und Demut widerspiegelt. Er beginnt leise zu beten und gibt auch uns zu verstehen, es ihm gleich zu tun. Mewes zeigt sich etwas begriffsstutzig und bekommt daraufhin bei jedem auszuführenden Kreuzzeichen einen freundschaftlichen Knuff mit dem Ellenbogen. Am Ende der Gebete bekommen wir besagte Bändchen überreicht. Wir sollen sie uns , ähnlich dem Tausch der Eheringe, gegenseitig anlegen. Alles wirkt auf einmal so feierlich. Und wir stellen uns insgeheim die Frage: ,,Sind wir nun verheiratet?“ Na, auf jeden Fall ist es ein guter Segen, der uns Glück bringen und bis zum Ende der Tour begleiten sollte.

Der Abschied am folgenden Morgen ist herzlich. Kräftig presst Weliko´s Umarmung uns die Luft aus den Lungen. Auch die geflüchtete Haushälterin ist wieder zurück, lacht und winkt mit unserem Gastgeber. Mit einer Adresse im Gepäck, die eine Übernachtungsmöglichkeit in der nächsten Stadt bieten soll, verlassen wir das Iskartal.
Am Abend stehen wir mit dem Zettel in der Hand vor einem prunkvollen Tor. Ungläubig schauend, dann heftig lachend schüttelt der fette Mönch Bauch und Kopf.“ Ihr macht Wohl Witze? Wo habt ihr das denn her? Nein hier gibt’s keinen Platz für euch.!“ so verstehen wir seine Antwort. Wir fühlen uns zunächst geohrfeigt, dann stimmen wir ihm zu. Wo soll in so einem riesigen Haus ein Platz für zwei Radfahrer zu finden sein? Da würde man ja die ganze Nacht mit suchen verbringen.
Ein nettes Hotel am Rand der Stadt, das noch den Charme der Luxusbauweise des zerbröckelten Sozialismus trägt, hat noch ein Bett für uns. Das Panoramafenster in unserem Zimmer erlaubt einen wunderbaren Blick auf eine gigantische Felswand. Wenn das mal nicht eine gute Nacht wird.

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